Geschäftsführer mit Team der Rohrer Hausverwaltung ©W. Rohrer & Sohn Hausverwaltung GmbH

19.06.2020
SZ-Interview: Mieten in der Corona-Krise - Die Kleinen zahlen, die Großen nicht

Die Kleinen zahlen, die Großen nicht

Vermieter können in der Corona-Krise zwar wegen Rückständen nicht kündigen – fällig sind die Mieten aber trotzdem. Hausverwalter Felix Nuss berichtet von Missverständnissen, zähen Verhandlungen und ersten positiven Signalen für die Zukunft.

INTERVIEW: SEBASTIAN KRASS

München, 09.06.Wer durch München spaziert, sieht das Firmenschild immer wieder an Gebäuden: Die Rohrer Hausverwaltung betreut etwa 10 000 Wohn- und Gewerbeeinheiten, verteilt auf 400 Häuser. An sich ist es ein Geschäft mit routinierten Abläufen. Doch in den vergangenen Wochen hatte Geschäftsführer Felix Nuss, 44, mit vielen neuen Themen zu tun.

SZ: Wie sehr haben Sie die wirtschaftlichen Auswirkungen der Corona-Pandemie zu spüren bekommen?

Felix Nuss: Wir haben uns natürlich darauf vorbereitet und Strategien ausgearbeitet. Es geht uns generell darum, einen Ausgleich zu schaffen zwischen Mietern und Vermietern, und darum, Mieterwechsel zu vermeiden. Tatsächlich ging es schnell los, gleich in den ersten Tagen der Ausgangsbeschränkungen und Geschäftsschließungen.

Wie lief das ab?

Anders, als wir dachten. Wir hatten vermutet, dass sich vor allem kleinere Betriebe wie Friseure, Handwerker, Tagescafés melden und Probleme mit den Mietzahlungen haben. Hier wollten wir Hilfestellung anbieten, um beispielsweise staatliche Unterstützung oder KfW-Darlehen zu bekommen. Von den kleineren Betrieben kam aber kein Bedarf, sie haben sich offenbar aus Reserven finanziert, da haben wir keine Zahlungsrückstände festgestellt.

Wer kam stattdessen?

Die Großen, also Filialisten, große Gastronomien, teils Ketten. Hier kamen recht schnell Schreiben von Rechtsabteilungen mit Begründungen, warum keine Miete mehr gezahlt werden müsse. Darunter waren sicher Trittbrettfahrer, die das Gebot der Stunde genutzt haben, um als Mieter Vorteil aus der Corona-Krise zu ziehen.

Klingt nach unangenehmen Gesprächen.

Ja, das war es teilweise. Wir haben immer auch eine Stundungsvereinbarung vorgeschlagen, die allerdings mit Verzinsung erfolgt, nach dem Bürgerlichen Gesetzbuch sind das 8,12 Prozent. Das ist natürlich betriebswirtschaftlich nicht so interessant.

Und dann?

Manche hatten zunächst die Rechtsauffassung, die Monatsmieten gar nicht zahlen zu müssen. Aber die Rechtslage ist ziemlich eindeutig: Vermieter können in der Corona-Krise zwar wegen Mietrückständen nicht kündigen. Aber fällig sind die Mieten trotzdem. Die meisten zahlen dann doch.

Aber nicht alle?

Bisher haben wir mit einigen Mietern eine Stundung vereinbart, aber noch längst nicht mit allen. Auf der anderen Seite haben wir auch Vermieter, Familienunternehmen oder Privatleute, die teils von selbst auf uns zugekommen sind, weil sie auf die Struktur der Gewerbemieter in ihrer Immobilie achten. Diese haben eine halbe oder eine ganze Monatsmiete erlassen.

Gab es auch Fälle, in denen man sich gar nicht einigen konnte?

Das ist bei uns bisher nicht vorgekommen. Theoretisch könnte man einen Mahnungs- oder Vollstreckungsbescheid schicken oder das Ganze über einen Rechtsanwalt einfordern. Diese Möglichkeit haben wir in Gesprächen mit einigen, die nicht zahlen wollten, auch deutlich gemacht. Ein relativ großer Filialist hat sich sogar vorbehalten, dass er die März-Miete zurückfordert. Als wir dann Rechtsschritte erwogen haben, kam es zu einer Verständigung.

Welches Unternehmen war das?

Namen kann ich leider nicht nennen.

Es ist bekannt, dass Adidas keine Miete mehr zahlen wollte. Sind die dabei?

Nein, die nicht. Wir betreuen Immobilien in verschiedenen Lagen in der Innenstadt, in Mischgebieten oder in Gewerbegebieten. Aber es war auffällig, dass bekannte Betriebe darunter waren, die in den letzten Jahren aufgrund hoher Investitionssummen expandiert sind. Das waren die ersten, die Mieten nicht mehr zahlen wollten.

Geschäfte und viele Lokale haben wieder auf, aber oft mit reduzierten Umsätzen. Zahlen jetzt wieder alle?

Wir stehen mit einigen in Kontakt, die im April nicht gezahlt haben, einige wenige im Mai auch nicht. Aber der Ausblick ist positiv. Neu hinzugekommen mit Zahlungsschwierigkeiten ist zuletzt keiner.

Wie viele Betriebe haben aufgegeben?

Bei uns hat bisher keiner geschlossen, weder die Ketten, noch die Einzelwirtschaften. Alle machen Gott sei Dank weiter. Wir haben sogar drei Flächen neu vermietet.

Was sind das für Betriebe?

Einmal Existenzgründer mit einem Tagescafé im Klinikviertel am Sendlinger Tor, einmal ein Friseurladen. Und einmal ist es das Lokal Boettners im Orlandohaus am Platzl, das bisher von Alfons Schuhbeck betrieben wurde. Das übernehmen zwei Wirtinnen, die bisher das „Kleine Kameel“ am Hofgraben betrieben haben und damit nun umziehen. Das neue Lokal soll „Goldig“ heißen und am 1. Juli öffnen. Daran sieht man, dass die Zukunftsperspektive der Unternehmer positiv ist.

Wir haben viel über Gewerbemieten gesprochen, wie ist denn die Lage bei den Wohnungsmieten?

Da hatten wir mit einigem gerechnet, aber bisher gibt es kaum erhöhte Mietrückstände. Ich weiß von einem Mieter, der gekündigt hat, weil er sagt, er könne sich wegen Kurzarbeit die Wohnung nicht mehr leisten, aber der zahlt seine Miete noch. Insgesamt sind wir bei den Wohnungsmieten bisher noch weitgehend verschont. Aber das kann sich wegen der Kurzarbeit natürlich noch verschärfen.

„Alle machen Gott sei Dank weiter. Wir haben sogar drei Flächen neu vermietet.“

Felix Nuss, 44, ist Geschäftsführer der Immobilienverwaltung Rohrer. Das Münchner Unternehmen wurde im Jahr 1919 gegründet und befindet sich immer noch im Familienbesitz, in inzwischen fünfter Generation. 

Kontakt Felix Nuss

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